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Therapiekonzept

 
Ausgehend von der antiken Vier-Elemente-Lehre des Naturphilosophen Empedokles von Agrigent (5. Jh. v. Chr.), der die vier Elemente Erde, Feuer, Wasser und Luft als Urgrund des Seins ansah,1 entwickelte der Arzt Hippokrates von Kos (5. / 4. Jh. v. Chr.) die Vier-Säfte-Lehre. Er ging davon aus, dass die vier Säfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle, aus denen der Mensch bestehe, in einem ausgewogenen Gleichgewicht stehen müsse, damit der Mensch gesund sei. Wurde ein Mensch krank, so ging man davon aus, dass sich seine Säfte im Ungleichgewicht befanden.2  
 
Der erste Schritt, das Gleichgewicht der vier Säfte herzustellen und damit zur Heilung zu gelangen, erfolgte über die Ausleitung von schadhaften Stoffen. Außerdem behandelte man eine Erkrankung in der Weise, dass man gemäß dem Prinzip ‚contraria contrariis’ ein dem Merkmal der Krankheit entgegengesetzt wirkendes Mittel gab. Wenn also eine Krankheit auf Grund einer Gleichgewichtsverschiebung hin zu den Qualitäten kalt und trocken entstanden war, so erfolgte die Therapie durch ein Mittel mit den Qualitäten warm und feucht. Konkret bedeutet das, wenn eine Infektion wie beispielsweise eine Bronchitis durch Kälte entstand und zu übermäßiger Schleimproduktion führte, dann wurde sie mit wärmenden und trocknenden Mitteln behandelt und geheilt.
 
Auch in den heilkundlichen Werken Physica (Heilkraft der Natur) und Causae et Curae (Ursachen und Behandlung von Krankheiten) der Hildegard von Bingen finden sich die humoralpathologischen Prinzipien bei der Erklärung des Krankheits- und Therapiegeschehens. Hildegard modifizierte und ergänzte die Humoralpathologie des Hippokrates und des Arztes der griechischen Antike Galen (2. Jh. n. Chr.) jedoch um eine psychisch-ganzheitliche4 beziehungsweise um eine kosmologische Komponente.5
 
Der Kosmische Mensch

 

Hildegard sah den Menschen zentriert in Mitten des Kosmos, der durch Actio und Reactio aller Sphären ein dynamisches Gleichgewicht hält. Über allem aber steht Gott. Kein strafender, sondern ein liebender, fürsorglicher Gott. Hildegard beschreibt in dem Buch Liber Vitae Meritorum (Der Mensch in der Verantwortung) 35 Tugenden- und Lasterpaare, aus denen der Hildegard-Forscher Dr. Strehlow die Psychotherapie der Heiligen Hildegard erarbeitet hat. Demnach ist oder wird der Mensch gesund, der bestrebt ist, tugendhaft zu leben. Derjenige aber, der lasterhaft lebt, setzt sich vielen Krankheit bringenden Gefahren aus, denn Leib und Seele werden als untrennbar miteinander verbunden angesehen.

 

 
 
Die Hildegard-Heilkunde strebte eine Harmonisierung von Körper, Geist und Seele an. Es ging um die Behandlung bereits bestehender Erkrankungen, aber auch um Prävention. Sie basierte auf folgenden Elementen:
 
· Ausleitung  
· Heilmittel aus der Natur
· Ernährung und Lebensweise
· Hildegardsteine
 
 
Ausleitung:
 
Gemäß der Humoralpathologie war ein Gleichgewicht der vier Säfte Blut, Schleim, Schwarze und gelbe Galle Voraussetzung für die Gesundheit. Gerieten diese Säfte in ein Ungleichgewicht, beispielsweise durch eine maßlose Lebensweise und Ernährung oder auch durch Stress, so entstanden Krankheiten. 
 
Um bereits entstandene Schlackenstoffe aus dem Körper zu entfernen, kannte Hildegard verschiedene Ausleitungsverfahren:
 
· Aderlass
· Blutiges Schröpfen
· Heilfasten
· Sauna
· Ausleitende Heilbäder
 
 
o   Aderlass
 
Der Aderlass stellte eine Blutentnahme dar. Wurden die wichtigen Regeln beachtet, nämlich dass der Aderlass nur zu bestimmten Zeiten auszuführen war, der Patient auf Nüchternheit achtete und er sich anschließend für einige Tage auf Ruhe und eine spezifische Kost einließ, dann konnte der Aderlass vielfältige Wirkungen zeigen. 
 

o   Blutiges Schröpfen
 
Beim blutigen Schröpfen ritzte man die Haut an bestimmten Zonen auf dem Rücken minimal an und setzte einen Schröpfkopf auf. Dadurch wurde der Körper von einem Schleim befreit, der sich dort abgelagert hatte. 
 
 
o  Heilfasten

Das Heilfasten nach Hildegard diente der Entschlackung, wobei die anfallenden Schlacken über die Leber abgebaut und ausgeschieden werden sollten. Heilfasten stellte aber keine 'Nulldiät' dar; vielmehr galt es, während des Fastens wenig Dinkel und Gemüse in Form einer Fastenbrühe einzunehmen. Eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme musste gewährleistet sein. 

 

o  Sauna

Auch das Ausschwitzen von Schlacken ist ein Jahrtausende altes Ausleitungsverfahren. Dabei achtete man darauf, zwischen den Saunagängen angemessene Ruhephasen einzulegen und ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen.

 

o  Medizinische Bäder
 
Medizinische Bäder mit entsprechenden pflanzlichen Zusätzen trugen zu einer Linderung unterschiedlicher Leiden bei.
 
 
 
Heilmittel der Natur:
 
In der Physica, der 'Heilkraft der Natur', beschrieb Hildegard eine Fülle von Heilmitteln. In acht Büchern hat sie die Heilkraft von ca. 500 Mitteln dargelegt, wozu nicht nur Pflanzen und Bäume gehörten, sondern auch Tiere, Edelsteine und Metalle.7 Bemerkenswert ist, dass über 40 Heilmittel nur in der Physica beschrieben wurden, also nicht aus antiken oder mittelalterlichen Werken, die es bereits vor Hildegards Zeit gab, übernommen worden sein konnten. Dazu gehören u. a. Zinnkraut, Lungenkraut und Mariendistel.8
 
Hildegard hat die Mittel aus der Natur nicht analysiert. Sie beschrieb die Heilkraft mit der 'Subtilität', der Feinstofflichkeit. Das kann man sich so vorstellen, dass beispielsweise jede Pflanze nicht nur einen Hauptwirkstoff enthält, sondern eine Fülle, eventuell tausende Begleitstoffe mit sich führt. Ist nur einer von diesen Stoffen schädlich, so ist die ganze Pflanze dem Menschen nicht nützlich. 
 
 
Dinkel
Galgant 
Die Galgantwurzel gehörte zu den wichtigsten Hildegardheilmitteln. Der echte Galgant (Alpinia officinarum), bereits vor Hildegards Zeiten in der chinesischen, der indischen und der arabischen Medizin fester Bestandteil der angewandten Heilkunde, wurde bei Hildegard gegen infektbedingtes Fieber, bei Rückenschmerzen sowie bei Herzbeschwerden eingesetzt. Hildegard verwendete ihn auch, um Schleimstoffe im Blut zu reduzieren. Die Galgantwurzel enthält ätherisches Öl, daneben auch Scharfstoffe und Flavonabkömmlinge. Sie weist krampflösende, entzündungshemmende und antibakterielle Eigenschaften auf.
 
 
 
    
 
Wasserlinse
     Wasserlinse
Schon der griechische Arzt Dioskurides (1.Jh. n. Chr.) kannte die Wasserlinse (Lemna minor) zur Behandlung aller Entzündungen, entzündlichen Ekzemen und der Gicht. Dazu empfahl er, Kompressen mit Wasserlinse aufzulegen. Hildegard von Bingen riet von der inneren Anwendung der Wasserlinse als Monopräparat ab. Werde sie jedoch mit anderen Heilpflanzen gemischt, so verringere sie schädliche Stoffe im Körper. Ein Elixier aus Wasserlinse, Ackersenf, Zimt, Labkraut und anderen Heilpflanzen nutzte Hildegard, um Infektionen vorzubeugen. Wasserlinse enthält vornehmlich Flavanoide, daneben auch Fettsäuren und deren Abkömmlinge.10                           
 
 
 
 
 
 
Veilchen
     Veilchen
Das wohlriechende Veilchen (Viola odorata) wurde schon in der Antike zu Magenumschlägen und als Kompresse bei Augenentzündungen genutzt. Hildegard beschrieb die Anwendung verschiedener Veilchenzubereitungen. So wurde die Pflanze in Form einer Creme zur Behandlung von Wunden, Geschwüren,Geschwulsten, gutartigen Tumoren sowie Altersflecken genutzt. Hildegard erläuterte sogar die Verwendung der Veilchencreme bei Krebserkrankungen. Veilchenöl diente der Behandlung von Augenleiden. Darüber hinaus empfahl Hildegard einen Veilchenwein gegen Lungenerkrankungen. Die Pflanze, vor allem die Blüten, aber auch das Kraut und die Blätter enthalten ätherisches Öl, Flavanoide, Schleimstoffe, Salicylsäuremethylester und das Alkaloid Violin.11
 
 
 
 

Ernährung und Lebensweise:
 
Im Mittelalter gab es zahlreiche 'Regimen Sanitatis'. Das waren Regeln, die aufgestellt wurden, um die Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen. Neben einer vernünftigen Lebensweise, die sich u.a. durch einen gesunden Schlaf-Wachrhythmus, einen sinnvollen Wechsel von Arbeits-und Ruhephasen, Vermeiden von Dauerstress sowie regelmäßiger Bewegung auszeichnete, spielte auch die Ernährung eine wichtige Rolle.12 

In der Ernährungstherapie der Hildegard von Bingen, die keine Diät im heutigen Sinne, sondern eine andere, gesunde Art der Ernährung darstellt, galt es, die Gesundheit durch die Basisnahrungsmittel Dinkel, frisches Obst und Gemüse, ergänzt durch maßvollen Einsatz von Fleisch, Fisch und Milch bzw. Milchprodukten zu erhalten oder wiederzuerlangen.13
 
 
Dinkel
      Dinkel
In Deutschland erfolgte der erste Anbau des Dinkels (Trticum spelta) zwischen 4400 und 3500 v. Chr. im Jungneolithikum und zwar in Süd- und Norddeutschland. Dinkel gehört, wie andere Getreidesorten auch, zur Pflanzenfamilie der Süßgräser (Poaceae). Im Gegensatz zu Weizenkörnern werden Dinkelkörner von drei Spelzen fest umschlossen. Darum ist nach dem Dreschen ein weiterer Mahlgang notwendig, um die Körner zu erhalten. Die feste Spelzhülle hat aber auch den Vorteil, dass Dinkel gegenüber Umwelteinflüssen sehr widerstandsfähig ist.14
Hildegard von Bingen sah den Dinkel nicht nur als das beste Nahrungsmittel an, sondern sie lobte die Feldfrucht als Universalheilmittel, das bei konsequenter Anwendung allen Kranken zur Genesung verhalf.
 
 
Zum Dinkel, den sie gemäß den humoralpathologischen Prinzipien als warm und kräftig bezeichnete, schrieb Hildegard:
 
„Und wenn einer so krank ist, daß er vor Krankheit nicht essen kann, dann nimm die ganzen Körner des Dinkels und koche sie in Wasser, unter Beigabe von Fett oder Eidotter, so daß man ihn wegen des besseren Geschmacks gern essen kann, und gib das dem Kranken zu essen, und es heilt ihn innerlich wie eine gute und gesunde Salbe.“15 

Hildegard sprach von der 'Viriditas’, der Grünkraft. Damit beschrieb sie die jeder Pflanze von Natur aus innewohnende Wirkkraft. Diese war in der Lage, dem menschlichen Körper die Grundbausteine zu liefern, die er zur Produktion von körpereigenen wichtigen Stoffen benötigte und um seine Zellen und Zellbestandteile optimal zu regenerieren. Hildegard warnte davor, Auszugsmehle zum Brotbacken zu verwenden, da es den Körper schwäche und kraftloser werden ließe.16
 
 
Hildegardsteine:
 
  
Druse
  
 
Hildegard hat Heilmittel aus den drei Naturreichen beschrieben. Dazu gehörten Pflanzen, Tiere und Mineralien. Aus dem Reich der Mineralien stammten die Edelsteine. Heute oft belächelt, hat Hildegard doch die heilsame Wirkung einiger Edelsteine beschrieben. So verwendete sie beispielsweise Bergkristall bei Schilddrüsenbeschwerden und Jaspis bei Herzrhythmusstörungen oder auch bei Gallenbeschwerden. Chrysopras setzte Hildegard bei entzündlichen Gelenkerscheinungen ein und Chalcedon empfahl sie bei innerer Unruhe.17 

  

 

 

 

 

 

 

1     Vgl. R. Schmitz (1998), S. 108 f.

2     Vgl. C. Schubert / W. Leschhorn (2006), S. 179.

3     Vgl. K. E. Rothschuh (1978), S. 194–199.

4     Vgl. K. P. Jankrift (2007), S. 61–63.

5     Vgl. H. Schipperges (1993), S. 207.

6     Vgl. W. Strehlow (1996), S. 14, 41–52.

7     Vgl. [Hildegard] (1991), S. 7–8.

8     Vgl. B. Baumann / H. Baumann (2010), S. 24–38.

9     Vgl. W. Schneider (1974), Bd. 5,1 S. 74 f. Vgl. auch K. Hiller / M. Melzig (2003), Bd.2, S. 33 f. 

10    Vgl. W. Schneider (1974), Bd. 5,2 S. 243 f. Vgl. auch K. Hiller / M. Melzig (2003), Bd.2, S. 14.

11     Vgl. W. SCHNEIDER (1974), Bd. 5,3 S. 401–403. Vgl. auch K. HILLER / M. MELZIG (2003), Bd.2, S. 393 f.

12    Vgl. W. U. Eckart (2009), S. 33–34. Vgl. auch Ch. Hagenmeyer (1995), S. 17. Vgl. auch H. Schipperges (1993),          S. 186.

13    Vgl. W. Strehlow (2009), S. 28–29. 

14    Vgl. U. Körber-Grohne, (1988), S. 68–86.

15    Vgl. [Hildegard] (1997), S. 45.

16    Vgl. [Hildegard] (1997), S. 41.

17    Vgl. [Hildegard] (1997), S. 328 f., 314 f., 317–319, 316 f.

 

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